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Borderline – eine spirituelle Theorie

Borderline – an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits.

  

In der Zeit, als ich meine Stabilität in mir noch nicht aufgebaut hatte und auch noch gar nicht wusste, dass ich dazu überhaupt in der Lage bin, fühlte ich mich in etwa wie ein Pflänzchen ohne Wurzeln. Jeder Windhauch wirbelte mich durcheinander. Ich war absolut instabil, stellte dies aber nicht wirklich in Frage. Wo kommt das überhaupt her? Damals dachte ich, dass ich einfach zu sensibel für diese Welt und nicht lebensfähig bin. 

 

Ich war verzweifelt, weil mich jede Kleinigkeit aus der Bahn warf. Ich hielt diesen Zustand einfach nicht aus und wünschte mir sehr oft, nicht hier zu sein. Mein Fokus war immer irgendwie in Richtung Himmel oder „weg sein“ gerichtet. Es gab die Welt hier und es gab das Jenseits. Und ich wollte zum Jenseits. Mein Körper war auf der Erde, aber das was es da noch in mir gibt, war zu einem Teil irgendwo in einer anderen Welt.

 

Ich glaube, dass man sich, wenn man eine Borderline-Störung hat, nicht ganz hier in der materiellen Welt befindet, sondern ein Teil von einem immer ein bisschen in anderen Welten schwebt. Die Seele ist nicht vollständig hier. Es zieht einen sozusagen immer ein bisschen zu dem Teil der Seele hin, die fehlt. Kennst Du dieses tiefe, schmerzhafte Gefühl der Sehnsucht? Meiner Meinung nach sehnt sich die Seele nach dem Teil, der fehlt. Somit fehlt das tiefe Vertrauen in das Leben hier auf der Erde. Es fehlen die stabilen Wurzeln, die man braucht, um hier existieren zu können. Es fehlt die Akzeptanz, jetzt hier in dieser materiellen Welt zu sein und ganz hier zu leben. Die Sehnsucht nach dem anderen Stück treibt einen immer irgendwie weg von der Welt.

  

Warum könnte eine Seele das wollen?

Ich glaube, dass unsere Seele sich diesen Zustand ausgesucht hat, um den Zustand der Vollständigkeit auf Erden zu erfahren. Doch um seine Vollständigkeit zu erleben, braucht es immer auch das Gegenstück. Das heißt, unvollständig zu sein. Meine Theorie ist, dass unsere Seele zuerst immer das Gegenstück von dem, was sie eigentlich erfahren möchte, erleben muss. Denn das ist das universelle Gesetz der Polarität. Das Gesetz besagt, dass alles auf der Welt zwei Pole hat. Licht ist ohne Dunkelheit nicht erfahrbar, Kälte nicht ohne Hitze und eben auch Vollständigkeit nicht ohne Unvollständigkeit.

 

Borderline ist genau das Gegenteil von Ganz und Vollständig. Es ist ein Ausdruck der Getrenntheit. In dieser Getrenntheit ist man auch getrennt von der allumfassenden Liebe. Kennst Du diese tiefe Sehnsucht nach Liebe? Wünschst Du es Dir, dass Dich endlich jemand liebt? Borderline ist der Kampf gegen das Leben und die Sehnsucht nach der Liebe, die sich anscheinend irgendwo anders befindet. Erst, wenn man vollständig ist, dann kann auch die Liebe wieder fließen.

 

Um vollständig zu werden, muss zuerst einmal die Entscheidung getroffen zu werden, hier auf der Erde seinen Platz einzunehmen. Das heißt, den fehlenden Teil der Seele auf Erden zu holen und nicht andersherum. Menschen mit einer Borderline-Störung können dies aber nicht. Es zieht sie immer weg. Sie suchen im Außen nach Liebe und haben Angst davor, sich hinzusetzen und einfach nur mit sich selbst zu sein. Oft geht mit dieser Angst ein unterschwelliges Gefühl der Schuld einher. Ein Gefühl von „Ich bin schuldig, nur weil ich am Leben bin.“

  

In mir fehlte lange Zeit die Einsicht, dass ich jetzt hier auf diesem Planeten bin, um hier mein Leben zu leben. In mir war immer diese tiefe Sehnsucht nach Liebe und ich hatte keine Ahnung wo ich sie finden sollte. Diese Liebe habe ich in erster Linie im Außen, bei anderen Menschen gesucht. Ich war getrieben, ruhelos, immer irgendwie auf der Flucht und nicht imstande mich mit mir selbst, als Erdenbewohner, auseinanderzusetzen. Es zog mich weg von der Welt. 

 

Die Aufgabe eines jeden Menschen ist es, in sich selbst die Liebe zu entdecken. Doch ich glaube, gerade für Menschen mit einer Borderline-Störung ist das große Lebensthema aufzuhören die Liebe wo anders zu suchen. Sondern die Liebe in sich zu entdecken und dann ganz bewusst hier auf Erden seinen Platz in Würde einzunehmen. 

 

Wenn Du die Liebe in Dir gefunden hast, dann wird Dein Zustand stabiler werden. Wenn Du die Liebe in Dir selbst spürst, dann wird auch Deine Sehnsucht gestillt sein und es zieht Dich nicht mehr fort von Deinem Dasein.

 

Um die Liebe in Dir zu entdecken, musst Du aufhören nach ihr zu suchen.

 

Du musst aufhören wegzulaufen und lernen, Dich auf Dich selbst zu beziehen. Ein ganz großes Lernfeld, um die Liebe in sich zu entdecken, ist es still zu werden. Sich nicht mehr den Ablenkungen des Lebens hinzugeben, sondern sich entgegen seinem Impuls, ganz bewusst in die Stille und Ruhe zu begeben.

 

Erst in der Stille kannst Du Dich mit Dir selbst verbinden

Der erster Schritt um Dich zu stabilisieren, ist zu lernen, Dich immer wieder bewusst mit Dir selbst zu verbinden. Ich weiß, das klingt abgedroschen. Doch es führt kein Weg daran vorbei. Die Lösung liegt nicht darin im Außen etwas zu finden. Mit Wissen von Außen werden Dir bestimmt einige Dinge klar, doch Du brauchst die Verbindung zu Dir selbst, um Dich hier auf der Erde zu vervollständigen. ERDEN ist das Schlüsselwort.

 

Du bist jetzt hier auf der Erde und genau hier gehörst Du jetzt hin.

 

Als ich angefangen habe, diese bewusste Verbindung zu mir zu üben, war das unglaublich schwierig, denn ich hielt es nicht aus mit mir. Ich konnte mich nicht einfach hinsetzen und sein. Ohne Musik, ohne Hintergrundgeräusch, ohne Ablenkung. Doch genau das ist es, was ich üben musste. Einfach hinsetzen, atmen und mit mir sein. Die Stille und ich. Der Kampf in mir war so groß, dass ich Panikattacken bekam. Ich bekam Panik vor dem sein mit mir selbst. Oft genug bin ich dann weggelaufen. Raus, Musik ins Ohr, zum Sport oder einfach nur ins Auto, um durch die Straßen zu heizen. 

 

Erst in der Klinik habe ich gelernt, einfach einmal da sitzen zu bleiben, wo ich war. Hier hatte ich den geschützten Rahmen, an dem ich einfach mal da bleiben konnte, wo ich war, um zu beobachten was passiert. Ich blieb also in meinem Zimmer und habe die Panikattacke durchgelassen. Bin nicht mehr davongelaufen. Das war sehr anstrengend, denn mein normaler Impuls wäre die Flucht gewesen. An meinem ersten Tag, als ich mit mir geblieben bin, habe ich gefühlte zwei Stunden lang nur geheult. Und ab diesem Tag habe ich jeden Tag geübt, einfach nur mit mir zu sein. Hierfür habe ich mich auf den Boden gelegt und die ganze Angst da gelassen. Mit der Zeit wurden die Panikattacken weniger. Ich habe weiter geübt. Habe meine Aufmerksamkeit immer wieder auf mich selbst gerichtet und einfach nur bewusst geatmet. Entweder habe ich mich auf den Boden gelegt, oder auf einen Stuhl gesetzt. In mir habe ich die Worte „Ich bin hier.“ wie ein Mantra immer wieder vor mich hin gesprochen. Und auch tagsüber, wenn ich unterwegs war, habe ich immer wieder innegehalten, mich auf mich, meinen Körper und meine Atmung konzentriert. So habe ich geübt. Irgendwann kam dann die Meditation dazu. Lange Zeit fühlte sich das nicht gut an. Doch ich habe immer weiter geübt. Nun meditiere ich seit etwa 5 Jahren und täglich erst seit ungefähr einem Jahr. Manchmal meditiere ich sogar zwei oder drei mal am Tag. Seit ca. August 2018 fühlt es sich einfach unglaublich an. Ich setze mich hin und spüre diesen tiefen Frieden in mir. Ich liebe es. Heute brauche ich mich einfach nur auf mich und meine Atmung zu konzentrieren und in mir entsteht dieser tiefe innere Frieden.

 

Der Weg dorthin war lang, aber er hat sich so sehr gelohnt. Es dauert einfach seine Zeit. Wenn Du instabil bist, dann reicht es nicht einmal die Woche Yoga zu machen. Es braucht mehr, um das Licht in Dir zu entdecken. Das ist, wie wenn ein Kind das Gehen lernt. Es fällt zwischendurch immer wieder hin, steht wieder auf, fällt wieder hin, geht zwei Schritte und landet wieder auf seinem Popo. Genauso ist es auch, wenn Du Dir Stabilität antrainierst. Es gelingt nicht immer. Unsere Gedanken lenken uns von uns ab. Doch zwei mal zehn Minuten einfach nur mit Dir zu sein, Dich hinzusetzen und zu atmen ist ein guter Anfang. Zusätzlich solltest Du Dir Gedanken darüber machen, was Du sonst noch für Dich tun kannst. 

  • Wie pflegt, behütest und sorgst Du täglich für Dich?

  • Was tut Dir wirklich gut?

  • Was könnte Dich noch dabei unterstützen, Dich selbst zu stabilisieren?

  • Wie fühlt es sich eigentlich an, was Du gerade tust?

  • Was raubt Dir Kraft?

  • Was verschafft Dir kurzzeitige Befriedigung, aber tut Dir nicht wirklich gut?

  • Was könntest Du stattdessen tun, um Dein Bedürfnis nach Liebe zu stillen?

Auch ich habe noch meine Rückschläge. Erst letzte Woche hatte ich einen Konflikt, der mich übertrieben aus der Bahn geworfen hat. Eine Kleinigkeit hat mich aufgewühlt. Dahin war all meine Stabilität und die Zweifel kamen hoch. Doch ich übe einfach immer weiter, denn ich weiß, wie ich mich heute fühle und wie ich mich früher gefühlt habe. Ich weiß, was mein Training aus mir gemacht hat. Vor zehn Jahren war ich ein Pflänzchen ohne Wurzeln. Heute bin ich ein Bäumchen, dass Wurzeln gebildet hat und langsam, aber stetig zu einem Baum heran wächst. Wie ein echter Baum. Der wird auch nicht in ein paar Monaten groß. Es dauert Jahre. 

 

Denke immer daran: Du hast das Potenzial dazu, Vollständigkeit und tiefe Liebe zu erfahren und es liegt an Dir, dieses Potenzial zu leben.

 

Nun wünsche ich Dir noch einen wunderschönen Tag, Abend oder eine gute Nacht, je nachdem in welcher Zeit Du auch immer Dich gerade befindest.

Die Liebe in mir, grüßt die Liebe in Dir!

Deine Andrea

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