· 

Die Nähe-Distanz-Problematik

In meinem letzten Artikel ging es ganz um die Borderline Persönlichkeitsstörung. Da ich hier die Themen nur oberflächlich ankratzen konnte, möchte ich mich heute etwas tiefer mit der Nähe-Distanz-Problematik befassen. Denn dies ist meiner Meinung nach eine der größten Belastungen für emotional instabile Menschen in Beziehungen.

 

Wenn ich mich zurückerinnere, wie ich früher in Beziehungen war, dann fällt mir als erstes ein, dass sich meine Gedanken ununterbrochen um meinen Partner gedreht haben. Ich analysierte unsere Gespräche, ich stellte mir vor, was er wohl gerade tat, wenn wir nicht zusammen waren und ich überlegte mir wie unser nächstes Wiedersehen aussehen wird. In meinen Gedanken tauchte ich komplett in das Leben meines Freundes ein und vergaß damit mein eigenes Leben. Alles drehte sich um die Beziehung und um ihn. Es gab nicht mein eigenes Leben. Es gab nur sein oder unser gemeinsames Leben. Meine Identität war ungefähr so instabil wie ein vertrocknetes Pflänzchen mit abgestorbenen Wurzeln.

 

Damals machte ich mir deshalb überhaupt keine Gedanken. Es war vollkommen normal für mich, dass sich alles um meinen Freund drehte. Das ich mich selbst damit nach und nach verlor, spürte ich erst später.

 

Jetzt kannst du dir gut vorstellen, was mit mir passierte, wenn eine Beziehung auseinander ging. Es zog mir komplett den Boden unter den Füßen weg. Es fühlte sich an, als hätte ich einen Teil meiner Seele verloren.

  

In meinen ersten Beziehungen hatte ich nur mit der Distanz meine Probleme. Jede räumliche Trennung von meinem Partner, fühlte sich an, wie ein großer Verlust. Als würde ein Teil von mir fehlen. Nur wenn ich mit meinem Freund zusammen war, dann war ich ganz.

  

Im Laufe der Jahre und mit jeder Trennung und anschließend neuen Beziehung, kam dann auch nach und nach immer mehr die Nähe-Problematik dazu. Es wurde zu einem Teufelskreis. Zuerst diese extreme Sehnsucht, bis zum nächsten Wiedersehen. Nach ein paar gemeinsamen Stunden dann dieses nicht mehr aushalten können und weg müssen. Und sobald ich wieder alleine war, entstand in mir wieder diese Leere und das Gefühl des Nicht-Ganz-Seins. Im Laufe der Zeit zeigte sich die Nähe-Distanz-Problematik nicht mehr nur bei meinem Partner, sondern auch bei meiner Familie und meinen Freuden. Überall hielt ich es nur noch ein paar Stunden aus, danach wurde der Druck in mir so groß, dass ich nur noch weg musste. Und wenn ich alleine war, dann war ich wieder schrecklich einsam.

  

Wie kam ich nun raus aus dem Dilemma?

Erst in der Klinik lernte ich, dass meine Einstellung zu Beziehungen vollkommen gestört war. Hier fing ich ganz langsam damit an, mich auf mich selbst zu fokussieren und meine eigene Identität aufzubauen und zu stabilisieren. 

 

Meine erste Beziehung nach der Klinik, war eine riesige Chance für mich um endlich praktisch zu üben. Mit diesem Mann bin ich heute glücklich verheiratet. Als ich meinen Mann kennenlernte, besorgte ich mir, aufgrund einer Empfehlung in der Klinik, sofort das Buch:

Das Buch habe ich im letzten Artikel schon erwähnt. Dieses Buch wurde zu meiner Bibel in dieser Zeit. Hieraus konnte ich unglaublich viel mitnehmen. 

 

In dieser Beziehung achtete ich das erste mal darauf, eine Balance zwischen Nähe und Distanz herzustellen. Wenn mir bewusst wurde, dass meine Gedanken wieder zu sehr um meinen Partner kreisten und dass ich mich zu sehr im Partner verlor, dann holte ich mich sofort zurück, indem ich innerlich „Stopp, ich bin hier.“ sagte. Dann versuchte ich mich ganz auf die Sache zu konzentrieren, die ich gerade tat. Wenn sich mein Partner wieder in meine Gedanken schlich, ersetzte ich den Gedanken, durch einen anderen Gedanken. Ich dachte zum Beispiel an meine Katzen, oder etwas anderes, dass mir Freude bereitet. Alle Gedanken waren erlaubt, nur Gedanken an meinen Partner waren verboten. Das mag radikal klingen, doch für mich war es die Lösung. Durch diese Vorgehensweise gelang es mir, nach und nach immer stabiler und eigenständiger zu werden.

 

Dadurch, dass mein Mann beruflich viel unterwegs ist, sehen wir uns für einige Tage unter der Woche nicht. Das war ein absoluter Glücksfall für mich, weil ich an diesen Tagen von Anfang an gezwungen war, mein Ding zu machen. Außerdem konnte ich üben, nicht an meinen Partner zu denken und zu lernen mich immer wieder auf mich selbst zu konzentrieren. Durch diesen bewussten Umgang mit mir, meinen Gedanken und Gefühlen stabilisierte sich zunehmend meine Identität.

 

In den ersten Jahren unserer Beziehung war es ein unglaublicher Kampf und sehr anstrengend, mich immer wieder zu mir zurückzuholen und mich nicht im Partner zu verlieren. Ich weiß noch wie verzweifelt ich oft war. Der ganze Prozess zerrte enorm an meinen Kräften. Dieser innere Kampf bezog sich nicht nur auf meinen Partner, sondern auch auf neue Menschen, die als Freunde in mein Leben kamen.

 

Hier ein paar Gedanken aus meinem Tagebuch dazu:

 

"Es fällt mir sehr schwer neue Freundschaften aufzubauen, weil ich immer noch Probleme mit Nähe-Distanz habe. Wenn ich jemanden kennenlerne, der mich emotional berührt, fühle ich mich zu sehr verbunden und es besteht die Gefahr, dass ich in eine Art Abhängigkeit gerate. Ich freue mich dann so sehr über den Kontakt und mir bedeutet der andere gleich so viel, dass ich mit meinen Gedanken viel zu sehr bei der anderen Person bin. Ich kann mich hier nicht richtig abgrenzen und zu mir zurückzuholen. Einerseits sehne ich mich nach Freundschaft und bin unglaublich glücklich, wenn sich andere Menschen für mich interessieren. Andererseits hänge ich an denen dann irgendwie gleich zu viel und gerate in eine Spirale der Abhängigkeit. Zum einen habe ich dann Angst mich selbst zu verlieren, und zum anderen habe ich auch Angst, den anderen zu verlieren und mich durch diesen Verlust wieder einsam zu fühlen. Das macht mich sehr traurig, weil ich sehr viel Liebe in mir habe, die ich in die Welt bringen möchte, aber die ich blockieren muss, weil meine Liebe dann zu sehr ins Außen fließt und ich damit meine Stabilität einbüße."

  

Ich habe mir oft gewünscht, mich einfach fallenzulassen und meinen Gedanken hinzugeben. Doch dann wäre das Dilemma wieder von vorne losgegangen. Ich bin dran geblieben und habe mir bis heute eine eigene stabile Identität aufgebaut. Im Vergleich zu damals bin ich ein komplett anderer Mensch. Ich fühle mich ganz, bin mit mir im Reinen und meistens überhaupt nicht mehr einsam, wenn ich alleine bin. Wenn ich an meinen Mann denke, dann in Liebe und nicht mehr in dieser verzweifelten Sehnsucht. Ich fühle mich verbunden, ohne abhängig zu sein. In der Beziehung, meiner Familie und alten Freunden konnte ich das Problem für mich auflösen. Bei neuen Freundschaften ist mir das noch nicht so gut gelungen. Hier schwingt unterschwellig immer noch die Angst in mir mit, in eine Abhängigkeit zu geraten. Aber ich sehe das Ganze nicht mehr negativ und werde einfach weiter üben. 

 

„Wenn ich nicht vor Sehnsucht dahin schmelze, wenn ich nicht mit meinem Partner zusammen bin, dann ist es doch gar keine richtige Liebe.“ „Wenn mein Partner nicht ständig an mich denkt, dann ist das doch auch gar keine wahre Liebe.“ - Vergiss solche Gedanken. Der Wunsch einer Verschmelzung mit dem Partner oder diese übertriebene Idealisierung des Partners und der Beziehung, sind Illusionen und entstehen nur, weil Du selbst keine eigene stabile Identität aufgebaut hast und weil Du die Liebe in Dir selbst noch nicht gefunden hast. Diese übertriebene, extreme und abhängige „Liebe“ hat nichts mit wahrer Liebe zu tun. Wir wurden in unserem eigenen Körper geboren, wir werden in unserem eigenen Körper sterben. Jeder ist hier, um seine eigene Identität zu erschaffen. Partnerschaft ist nicht dafür da, einen Mangel zu füllen. In einer Partnerschaft gibt es immer einen gemeinsamen und zwei einzelne Wege, die jeder für sich alleine gehen sollte.

 

Heute weiß ich erst, was Liebe wirklich bedeutet. Nämlich nicht abhängig zu sein, sondern sich gemeinsam frei zu fühlen. Ich habe mich in einer Beziehung noch nie so geliebt und gleichzeitig so frei gefühlt, wie das heute der Fall ist. Und der Grund dafür ist nicht, dass ich den idealen Partner gefunden habe, sondern weil ich mich selbst gefunden habe. 

 

Hier die wichtigsten Punkte noch einmal kurz für Dich zusammengefasst:

  • Hole Dir, wenn nötig, professionelle Hilfe.
  • Werde Dir darüber klar, dass Dein Wunsch einer Seelenverschmelzung mit Deinem Partner nur daher rührt, dass Du selbst keine eigene, stabile Identität aufgebaut hast.

  • Übe Dich in einem bewussten Umgang mit Dir selbst, Deinen Gedanken und Gefühlen.
  • Sehe Deine Beziehung, als die beste Möglichkeit zu üben.

  • Verbiete Dir, Dich in Gedanken an Deinen Partner/Deine Partnerin zu verlieren. Hole Dich immer wieder bewusst zurück zu Dir selbst. Du bist der wichtigste Mensch in Deinem Leben.

  • Mache immer regelmäßig Dein eigenes Ding, ohne Deinen Partner/Deine Partnerin. (z.B. ein eigenes Hobby, Sport, Treffen mit Freunden, Spazieren gehen)
  • Gehe achtsam mit Dir um und trainiere Deine Achtsamkeit.

  • Arbeite immer an Deiner Selbstliebe.

Lass Dich nicht entmutigen, wenn es anstrengend ist, oder sich Zweifel breit machen. Es wird mit der Zeit einfacher werden.

 

Die Liebe kommt nicht über einen anderen Menschen zu Dir. Die Liebe ist schon tief in Dir. Wenn Du Dich um Dich selbst kümmerst und Deinen Fokus auf Dich selbst richtest, dann bist Du nicht egoistisch. Das Gegenteil ist der Fall. Denn erst wenn es Dir selbst gut geht und Du in Dir stabil bist, dann kannst Du Deine Liebe auch in die Welt tragen und Dich um andere richtig kümmern.

 

Nun wünsche ich Dir noch einen wunderschönen Tag, Abend oder eine gute Nacht, je nachdem in welcher Zeit Du auch immer Dich gerade befindest. 

Die Liebe in mir, grüßt die Liebe in Dir!

Deine Andrea

Diese Artikel könnten interessant für Dich sein:

Fehlender "Ich-Bezug"

Borderline - eine spirituelle Theorie

 

Buchtipps:

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Laura (Sonntag, 18 November 2018 11:28)

    Hallo Andrea ! Dein Artikel gibt mir wichtige Hinweise für meinen Weg, danke, dass du deine Gedanken so offen teilst ! Alles Liebe für dich

  • #2

    Susanne (Donnerstag, 22 November 2018 16:28)

    Hallo Andrea, danke für deinen persönlichen Artikel. Ich glaube, er hilft mir, besser zu verstehen. Danke

  • #3

    Kristian (Donnerstag, 04 April 2019 19:53)

    Es gibt nur sehr wenige Geschichten, die ausführlich berichten, was beim narzisstischen Missbrauch in einer Liebesbeziehung passiert. Bei Bayern 2 gab es vor einigen Wochen eine Sendung zum Thema, in der ein Typ berichtet, nicht nur wie er reingeraten ist, sondern auch, wie er hinausgefunden hat:

    https://www.lesenmitlinks.de/gaslighting-ich-habe-angst-vor-meiner-ex/

    Er sagt unter anderem: „Wenn wir unterwegs waren, habe ich versucht, mich zu beherrschen. Wenn wir im Café saßen, habe ich krampfhaft in Tinkas Gesicht geschaut, bloß nicht in Richtung anderer Tische. Ich bin unsicher geworden. Ich bekam Panikattacken. Ich hatte fürchterliche Verspannungen und Schlafstörungen. Mir war klar: jederzeit kann eine neue Bombe hochgehen.“

    und das alles wird umfangreich in diesem Buch erzählt, das auf eine reale Geschichte zurückgeht. Es ist wirklich unheimlich und man kann die Geschlechter ebenso gut austauschen, es bleibt sich gleich:

    https://literatourismus.net/2019/01/jan-drees-sandbergs-liebe/