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Gesunde Grenzen setzen

Gesunde Grenzen setzen

 

"Die Würde des Menschen ist unantastbar."

(Artikel 1 des Grundgesetzes für die BRD)

 

Für was sind Grenzen da?

Genau wie die Grenzen, die es auch draußen im echten Leben gibt, z.B. zwischen Ländern, oder um unser Grundstück herum, dienen unsere persönlichen Grenzen auch zu unserem Schutz. Sie sind dazu da, um unser Leben und unsere Persönlichkeit vor Eindringlingen und Gefahren zu schützen. Unsere Persönlichkeit ist das, was uns als Mensch zu einem eigenständigen und selbständigen Individuum macht, also unsere persönliche Vorstellung von der Welt, unsere Werte und Bedürfnissen, unser Selbstbild und auch unser Selbstbewusstsein. 

Grenzen sind individuell

Unsere persönlichen Grenzen sind nicht, wie die Grenzen draußen im Leben, klar und sofort für alle ersichtlich. Unsere persönlichen Grenzen sind von Mensch zu Mensch verschieden und können sich sogar vollkommen widersprechen. Was den einen freut, kann für den anderen ganz klar eine Überschreitung seiner persönlichen Grenze sein. Es gibt Menschen, die lieben z.B. Körperkontakt. Das heißt, sie berühren einfach gerne, z.B. durch ein Klopfen auf die Schulter oder eine leichte Berührung am Arm. Es gibt aber auch Menschen, denen ist es unangenehm von Menschen, die ihnen nicht sehr nahe stehen, berührt zu werden.

Was bedeutet es, Grenzen setzen zu können?

Grenzen zu setzen bedeutet, sich zum einen klar darüber zu werden, was andere Menschen mit uns machen dürfen und was nicht. Und zum anderen, dass dann auch klar zu kommunizieren und durchzusetzen. Weil unsere Grenzen eben so individuell sind, können die anderen sie nur erkennen, wenn wir ihnen unsere Grenzen aufzeigen. Wenn jemand unsere Grenze überschreiten kann, dann liegt das also immer an uns selbst und nicht am anderen. Grenzen setzen heißt, “Nein” oder “Stopp” sagen zu können. Es bedeutet, Deine Werte und Bedürfnisse zu kennen und für sie einzustehen. Es bedeutet, dass Du ein klares Bild davon hast, was Menschen mit Dir machen dürfen und was nicht und es Dir wert zu sein, Deine Grenzen auch aktiv zu setzen und für Dich einzustehen.

Warum sind unsere Grenzen offen?

Wir sind soziale Wesen, die ein soziales Netz brauchen. Aufgrund der Angst, dass wir verstoßen oder verlassen werden könnten, fällt es uns schwer zu uns und unsere Grenzen zu stehen. Unsere Grenzen sind dann offen, wenn wir z.B. Angst haben, unseren Partner, der für uns Halt und Liebe im Leben symbolisiert, zu verlieren, wenn wir Grenzen setzen und auch leben. Oder unsere Grenzen sind z.B. dann offen, wenn es um unseren Arbeitsplatz geht, der für uns Sicherheit und auch Überleben symbolisiert. Deshalb verzichten wir lieber auf unsere persönlichen Grenzen und sichern uns damit wenigstens unseren Job, unseren Platz in der Familie, Gruppe oder an der Seite unseres Partners. Ein weiterer Grund, weshalb unsere Grenzen offen sind, ist, dass wir eine bestimmte Rolle spielen, um z.B. unserem Partner zu gefallen und ihn somit an uns zu binden. Wir glauben, dass wir einem bestimmten Bild entsprechen müssen, um überhaupt geliebt werden zu können. Denn wir gehen davon aus, dass, wenn wir sind, wie wir wirklich sind, mit all unseren Licht- und Schattenanteilen, wir gar nicht geliebt werden können. Doch ist das wirklich so? Nehmen nicht gerade wir, wenn unsere Grenzen offen sind, auch die Anteile unseres Partners an, die uns nicht gefallen? Diese Anteile unseres Partners, sind kein Grund für uns, ihn zu verlassen. Stattdessen ärgern wir uns im Stillen darüber und versuchen uns trotzdem weiterhin so zu verhalten, wie wir annehmen, dass er es sich von uns wünscht, um uns seine Liebe zu verdienen und um ihn nicht zu verlieren. Genauso verhält es sich an unserem Arbeitsplatz. Wir lassen uns ausnutzen und ausbeuten, schieben Überstunden und arbeiten uns vollkommen auf, aus Angst sonst nicht zu genügen und unseren Arbeitsplatz zu verlieren. Aber besteht diese Gefahr wirklich? Gibt es da nicht immer auch eine Kollegin oder einen Kollegen, die/der eine ruhige Kugel schiebt und trotzdem immer noch hier ist?

Der Teufelskreis von offenen Grenzen

Dadurch, dass wir alles mit uns machen lassen und uns aus Angst an die Werte und Bedürfnisse unseres Partners oder anderen Menschen anpassen, werden wir im Leben immer unzufriedener. Diese Unzufriedenheit fängt an, in uns zu brodeln, wie ein Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch steht. In den meisten Fällen kommt es tatsächlich irgendwann zum Ausbruch. Die Situation eskaliert und es kommt zu einem Streit, wobei der andere meistens überhaupt nicht weiß, was plötzlich los ist. Diese Eskalation kann durch Kleinigkeiten ausgelöst werden, wie z.B. das dreckige Geschirr, dass der Partner nicht wegräumt (weil z.B. Ordnung und Sauberkeit meine Werte sind) oder, dass sich der Partner einfach nur ein Lied ein bisschen zu laut im Radio anhört (weil z.B. Stille mein Wert ist), oder, wenn der Chef z.B. eine eigentlich kleine Aufgabe zusätzlich verlangt, die das Fass zum Überlaufen bringt etc. Durch diese Eskalation ist mein Platz an der Seite meines Partners oder mein Job plötzlich überhaupt nicht mehr gesichert. Und genau das, wovor ich die ganze Zeit Angst hatte, tritt durch mein eigenes Verhalten ein, weil ich eben die ganze Zeit eine Rolle gespielt habe und meine persönlichen Grenzen ignoriert habe und dadurch die Unzufriedenheit in mir immer größer wurde.

Selbstaufgabe durch offene Grenzen

Wenn wir uns nicht klar werden, über unsere persönlichen Werte und Bedürfnisse und nicht anfangen, diese auch klar zu kommunizieren und durch unsere persönlichen Grenzen zu schützen, besteht die Gefahr, uns selbst immer mehr zu verlieren. Unser Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein, unsere Selbstakzeptanz und Würde verlassen uns, wenn wir nicht anfangen zu uns zu stehen. Diese Selbstaufgabe kann soweit gehen, dass wir einen regelrechten Selbsthass gegen uns entwickeln oder auch krank werden, z.B. in einen Burnout schlittern, weil wir uns vollkommen aufarbeiten. Zurück bleibt ein Mensch, der völlig von den anderen (z.B. vom Partner) abhängig ist und seinen Wert nur durch die Annahme und den Zuspruch der anderen definiert. 

Unsere Unzufriedenheit als Botschaft

Wir denken die ganze Zeit, dass wir uns über die anderen ärgern, weil die sich falsch verhalten, uns ausnutzen oder schlecht behandeln. Aber sind es nicht wir selbst, die sich ausnutzen und schlecht behandeln lassen? In Wahrheit ärgern wir uns über uns selbst, weil wir nicht zu uns stehen und uns immer mehr aufgeben. Die Wut und Unzufriedenheit in uns möchte uns eigentlich die ganze Zeit mitteilen, dass es endlich Zeit wird, zu uns zu stehen und aufzuhören uns selbst aufzugeben.

Selbstachtung und Selbstvertrauen als ein Zeichen von Würde

Um gesunde Grenzen setzen zu können, müssen wir erkennen, dass wir alleine wertvoll und geliebt sind und uns selbst vertrauen können, dass wir im Stande sind alleine (im übertragenen Sinne) zu überleben. Wenn Du Dich selbst annehmen und lieben kannst, wie Du bist und in Dir selbst ein tiefes Vertrauen entwickelst, dass Du auch alleine geliebt und wertvoll bist, dann wirst Du auch in der Lage sein, gesunde Grenzen zu setzen. Meine Grenzen waren in meinem früheren Leben sehr weit offen. Was mich davor gerettet hat, mich komplett selbst aufzugeben, war ein kleines bisschen Würde, dass in mir zum Vorschein gekommen ist, als ich es am nötigsten gebraucht habe. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und das sollte sie vor allem für uns selbst sein. Wenn wir uns selbst nicht mehr als würdig empfinden, zu uns zu stehen, auch wenn wir große Angst haben und das Risiko besteht, vielleicht tatsächlich verlassen zu werden, was bleibt dann noch von uns übrig? Möchten wir uns wirklich komplett selbst aufgeben und erniedrigen, nur weil wir Angst haben, alleine zurück zu bleiben? Und was passiert denn wirklich, wenn wir alleine zurück bleiben? Wir sind heute keine Kinder mehr, die alleine nicht überleben können. Wir sind erwachsen und die Angst, die uns dazu veranlasst, alles mit uns machen zu lassen, ist eine alte Angst aus der Kindheit, die in uns hochkommt, um endlich von uns wahrgenommen und geheilt zu werden.

 

Als mir bewusst wurde, dass ich mir selbst im Spiegel noch in die Augen sehen möchte, habe ich endlich damit angefangen "Stopp - bis hier und nicht weiter!" zu rufen. Genau diese Würde braucht es, um zu Dir zu stehen. Sei es Dir wert! Denn Du bist es wert. Doch wieviel Du Dir selbst wert sein möchtest, ist eine Wahl, die nur Du treffen kannst.

 Uns selbst zu vertrauen, uns zu lieben und zu achten, unsere eigenen Werte und Bedürfnisse zu kennen und durch gesunde Grenzen zu schützen, ist die Grundvoraussetzung sich

in einer Beziehung erfüllt und glücklich fühlen zu können.

Fragen zu Deinen Grenzen

  • Was ärgert Dich besonders an Deinem Partner, oder Menschen, die Dir nahe stehen?
  • Welche Situationen machen Dich besonders wütend oder traurig?

  • Gibt es Menschen in Deinem Leben, die es Dir besonders schwer machen?

  • Welches Verhalten sorgt dafür, Dir Deine Stimmung zu vermiesen?

  • Was tust Du, obwohl Du es eigentlich gar nicht tun möchtest?

  • Was sind Deine Werte und Bedürfnisse? (Diese Übung hilft Dir dabei, es herauszufinden.)

  • Was möchtest Du ab sofort nicht mehr in Deinem Leben akzeptieren?

  • Wie könntest Du ab sofort klar kommunizieren, was Dir wichtig ist und was Du Dir wünschst?

  • Was würde Dir dabei helfen, besser zu Dir und Deinen Grenzen stehen zu können?

  • Was kannst Du täglich für Deine eigene Selbstfürsorge tun?

Nun wünsche ich Dir noch einen wunderschönen Tag, Abend oder eine gute Nacht, je nachdem in welcher Zeit Du auch immer Dich gerade befindest.

Die Liebe in mir, grüßt die Liebe in Dir!

Deine Andrea

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