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Emotionen

Während meines Aufenthalts in der Psychosomatischen Klinik, hatte ich eine Therapiestunde, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Die Therapeutin sagte damals zu mir: „Andrea, weißt Du was mir an Dir besonders auffällt? Du hast immer den selben Gesichtsausdruck. Immer ein Lächeln auf den Lippen. Du siehst fast so aus, als würdest Du uns hier alle auslachen. Was ist denn so lustig?“ Ich fand in dieser Zeit überhaupt nichts lustig und wunderte mich über diese Aussage. Die Therapeutin erklärte mir, dass ich mich hinter meinem Pokerface verstecken und mich nicht trauen würde, Gefühle offen zu zeigen. Im Laufe der Sitzung kam heraus, dass der Glaubenssatz „Ich muss lieb und brav sein.“ dermaßen in mir verankert ist, dass ich nach außen hin, egal wie ich mich im Inneren auch fühlte, lieb war und lächelte. Aufgrund meiner Angst vor Zurückweisung war es tatsächlich so, dass ich nicht wirklich ein böses Gesicht zeigen konnte. Hinzu kam, dass ich eine richtige Phobie entwickelt hatte, wenn mich jemand auf meinen Gesichtsausdruck ansprach. Ich hatte häufig das Gefühl, dass die Leute um mich herum meine Art zu schauen, bewerteten. Wenn ich nicht lachte, kam von irgendjemanden das Kommentar: „Wieso schaust Du denn so ernst?“, obwohl ich in meinen Augen einfach nur neutral schaute. Und meine Erfahrung war irgendwann: Wenn man nicht lächelt, schaut man so, dass man darauf angesprochen wird. Ich wollte aber nicht angesprochen werden, ich wollte einfach nur meine Ruhe haben. Das war wohl der Grund, weshalb ich mir irgendwann dieses Dauer-Grinsen angeeignet habe. Das ging so weit, dass ich selbst in Streitsituationen lächelte. Aber nicht, weil ich so selbstsicher war und wirklich darüber lachen konnte, sondern weil mein Gesichtsausdruck festgefroren war. Sogar wenn mir die Tränen kamen, das Lächeln auf meinem Mund blieb.

  

In dieser Therapiestunde übte ich verschiedene Gefühle durch Mimik und Gestik zu zeigen. Die Therapeutin hatte einen Stapel mit Karten. Auf jeder Karte war ein Bild von einer Person, die eine bestimmte Emotion ausdrückte. Ich musste zuerst erkennen, um was für ein Gefühl es sich dabei handelte und sollte es anschließend selbst, wie eine Schauspielerin, demonstrieren. Da waren positive und negative Gefühle wie z.B. Scham, Abneigung, Sehnsucht, Ärger, Wut, Freude etc. Das Ganze geschah vor einem riesigen Spiegel. Normalerweise schwitze ich sehr wenig, sogar im Sport nur mäßig. Aber während dieser Übung lief mir der Schweiß in Strömen meinem Rücken hinunter. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Und das, obwohl ich das Gefühl ja nur spielte und nicht wirklich empfand. Was würde erst passieren, wenn ich ein echtes Gefühl nicht mehr in mir verdrängen, sondern rauslassen würde?

  

Ich denke diese Gefühl-Staus stecken in vielen Menschen. Einerseits haben wir Angst vor den negativen Gefühlen und verdrängen sie deshalb, andererseits verbietet uns die Gesellschaft ja fast schon (negative) Gefühle offen zu zeigen. Draußen, im Berufsleben, kaum vorstellbar hier Emotionen zu zeigen. Das würde ja im Chaos enden. Aber in uns gefangene Gefühle machen uns auf Dauer krank. In dieser Stunde habe ich gelernt, wie enorm wichtig es ist, Gefühle nicht in sich einzusperren, sondern über den Körper auszudrücken, rauszulassen und somit abzubauen.

 

Wenn es sich um Gefühle handelt, die wir aus Angst verdrängen, ist es sehr schwer diese plötzlich einfach offen zu zeigen und fließen zu lassen. Vor dem Gefühl der Wut hatte ich zum Beispiel dermaßen Angst, dass es von mir komplett zurückgehalten wurde und sich so sehr in mir gestaut hat, dass es sich letzten Endes immer gegen mich selbst gerichtet hat. Selbstverletzende Gedanken und Handlungen waren das Resultat. Wer über lange Zeit ein Gefühl aus Angst verdrängt, verstärkt es und aus einem Gefühl wird irgendwann eine Bedrohung. Ich denke bei emotional instabilen und hochsensiblen Menschen ist das häufig der Fall. Die spüren ja sowieso schon sehr intensiv. Bei mir kamen die Gefühle dann oft mit so einer Wucht, dass ich diesen Zustand nicht aushalten konnte und überhaupt nicht mehr wusste, wie ich damit umgehen sollte.

 

Ich glaube, der erste kleine Schritt seine Angst vor einem Gefühl abzubauen ist, zu erkennen, dass es die Angst vor dem Gefühl ist, die das ganze Chaos auslöst und nicht das Gefühl selbst.

  

Dieser Artikel soll Dich jetzt nicht dazu ermutigen in der Öffentlichkeit einen cholerischen Anfall zu bekommen und somit Deine Gefühle abzubauen. Er soll Dich auffordern, all Deine Gefühle anzunehmen und einen bewussten Umgang mit ihnen zu lernen. Hierbei ist es im ersten Schritt wichtig, Dir erst einmal bewusst zu werden, wie Du Dich eigentlich fühlst und warum das so ist. Ein Gefühl kommt nicht ohne Grund zu Dir. Es möchte Dir immer etwas mitteilen. Auch wenn Deine Gefühle noch so stark oder unberechenbar sind: Du bist nicht Deine Gefühle. Du hast Gefühle und Du musst Dich nicht von ihnen beherrschen lassen. 

  • Welche Gefühle begleiten Dich über den Tag?
  • Gibt es bestimmte Gefühle, die Du besonders oft spürst?
  • Bei einer Trauerphase (Trennung, Verlust, Todesfall): Wie lange trauerst Du schon? Hast Du die Trauer bisher verdrängt oder hast Du Dir erlaubt richtig zu trauern?
  • Lehnst Du bestimmte Gefühle ab?
  • Hast Du Angst vor bestimmten Gefühlen?
  • Was genau hat ein Gefühl ausgelöst? 
  • Welche Gefühle würdest Du am Liebsten fühlen, wenn Du es Dir aussuchen könntest?

Hier geht es zu einem Artikel, der Dir dabei hilft, Deine Angst vor Gefühlen zu besiegen.

 

Mir haben langfristig Meditation und Yoga dabei geholfen insgesamt gelassener und zentrierter zu sein.

 

Nun wünsche ich Dir noch einen wunderschönen Tag, Abend oder eine gute Nacht, je nachdem in welcher Zeit Du Dich auch immer gerade befindest.

Die Liebe in mir, grüßt die Liebe in Dir!

Deine Andrea

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