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Der Schönheitswahn

Letzte Woche waren mein Mann und ich in einem indischen Restaurant beim Abendessen. Am Nachtbartisch saß eine Gruppe junger Leute, so etwa im Alter von 18 bis 20 Jahren. Es waren drei junge Männer, die auf der einen Seite des Tisches saßen und drei junge Frauen, die gegenüber saßen. In den etwa 1 ½ Stunden, in denen wir im Lokal aßen, sah ich automatisch immer wieder hinüber, da meine Blickrichtung genau zu diesem Tisch ging. Außerdem unterhielten sich die drei Jungs in dieser Zeit sehr laut und emotional, so dass mein Mann und ich immer wieder abgelenkt wurden und auch mit einer gewissen Neugierde die jungen Leute beobachten. Die Jungs unterhielten sich in der Zeit, als wir da waren, über Autos und Computerspiele, waren sichtlich gut gelaunt und voller Begeisterung. Die Mädchen sagten in dieser Zeit vielleicht eine Handvoll Sätze und ab und zu viel ein kurzes Kichern. Diese jungen Frauen unterhielten sich in diesen 1 ½ Stunden tatsächlich nicht miteinander, sondern guckten alle paar Minuten in den großen Spiegel, der links vom Tisch hing und warfen immer wieder einen kurzen Blick auf ihr Handy. Alle drei waren weit über ein normales Maß hinaus geschminkt und sehr offen und sexy gekleidet. Wenn sie in den Spiegel sahen, scannten ihre Augen einmal ihr ganzes Gesicht ab, schüttelten sie sich die Haare auf und rückten ihr Oberteil zurecht. Ich kann diese Szene deshalb so im Detail beschreiben, weil mir erstens der Spiegel das Geschehen direkt präsentierte und weil ich zweitens tatsächlich immer wieder hinsehen musste. 

 

Nachdem wir zu Hause waren, musste ich immer wieder an diese Szene denken. Besonders ein Mädchen ging mir nahe, weil man ihr einfach ansah, wie unsicher sie war. Das Thema Schönheit hat auch mich in meinem Leben lange Zeit begleitet. Da es bei uns zu Hause überhaupt keine Bewertung über das Aussehen gab, bin ich in dieser Hinsicht unbelastet und ungezwungen aufgewachsen. Ich mochte mich, wie ich war. Aussehen war einfach kein Thema. Erst später, als junge Frau, wurde es langsam relevant. Die Komplimente, die ich in meinem Leben bekommen habe, bezogen sich überwiegend auf mein Aussehen. Ich weiß noch, dass mich das später sogar wütend gemacht hat. Ich habe mir immer gedacht: 'Na toll, was kann man mit Schönsein anfangen? Warum kann mich keiner mögen, weil ich so klug oder so nett bin?' Da ich Zuneigung über mein Aussehen bekommen habe, wurde es mir irgendwann wichtig, gut auszusehen. In mir entstand der Glaubenssatz: 'Wenn ich schön aussehe, dann werde ich gemocht.' und ich richtete meine ganze Energie auf mein Aussehen. Ich fing an, mich sexy anzuziehen und zu schminken. Meine Make-up-Schicht wurde immer dicker und mein Selbstwertgefühl nahm immer weiter ab. Ich definierte irgendwann meinen ganzen Wert über mein Äußeres. 

 

Je schlechter es mir ging, desto mehr lehnte ich mein Aussehen ab und desto mehr Energie verschwendete ich damit, alles dafür zu tun, um gut auszusehen. Irgendwann konnte ich ohne Schminke die Wohnung nicht mehr verlassen. Dass ich natürlich schön bin, wie übrigens jeder von uns, sah ich nicht mehr.

 

Deutlicher kann man nicht erkennen: Wie wir uns selbst sehen, hat mit unserem Selbstwertgefühl zu tun.

Du bist schön, wenn du dich liebst. 

 

Fang' damit an, deinem Körper die Wertschätzung entgegenzubringen, die er verdient. Dein Körper ist das Zuhause deiner Seele. Über deinen Körper verschafft sich deine Seele Ausdruck. Ohne deinen Körper könntest du das Leben in all seiner Herrlichkeit und Vielfältigkeit überhaupt nicht erfahren. Dein Körper ist ein absolutes Wunder.

 

In der Gesellschaft, in der wir leben, hat der Körper leider einen vollkommen anderen Stellenwert eingenommen. Unser Körper muss einem gewissen Schönheitsideal entsprechen, um überhaupt ein bisschen gewürdigt zu werden. Im Fernsehen oder in Zeitschriften werden uns täglich perfekte Kunstwerke präsentiert. Es strahlen uns Menschen mit falten- und makelloser Haut an, sogar wenn diese schon ü-60 sind. Und da der Mensch nun einmal vom Vergleich lebt, wird unser Anspruch an uns selbst und unserem Aussehen immer größer. Fotos sind wunderschöne Kunstwerke und genau das sollen sie sein. Trotzdem sind diese der Maßstab, an dem wir uns orientieren. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Aussehen immer wichtiger wird. Weit wichtiger als der Charakter. Gerade Menschen mit geringem Selbstbewusstsein lassen sich leicht von diesem kranken Schönheitswahn anstecken. Ich möchte nicht irgendwann alt sein, zurück blicken und erkennen, dass ich mein ganzes Leben lang damit verbracht habe, mir Gedanken über mein Aussehen zu machen. Denn das ist mit Sicherheit nicht unser Auftrag hier auf diesem Planeten. Das Leben ist so viel mehr! 

 

Wir fühlen uns zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu blass, zu faltig, etc.. Wir sehen uns als Mangelexemplar, statt als das Wunder, das wir sind. Unser Körper wird manchmal sogar zu unserem eigenen Feind. Wenn du ein erfülltes und glückliches Leben leben möchtest, wird es Zeit diesen ganzen Unsinn endgültig loszulassen.

 

Dich mit einem Bild eines Fotomodells aus einer Zeitschrift zu vergleichen, ist, als ob du dich mit einem Kunstwerk vergleichst. Deine Figur mit der Figur deiner Arbeitskollegin oder deines Kollegen zu vergleichen, macht genauso wenig Sinn. Vielleicht liebt sie oder er Sport und trainiert mehrmals die Woche. Nimm dich an, so wie du bist! Je mehr du dich selbst liebst und dich um deine Gesundheit und dein Wohlbefinden kümmerst, desto besser wirst du dir auch gefallen.

 

Jeder Mensch ist auf seine Weise schön. Als ich noch im Fitnessstudio trainiert habe, absolvierte ich mein Training oft in einem Gerätezirkel. Eines Tages waren nur ich und ein älterer, übergewichtiger Herr im Trainingszirkel. Als ich ihn gesehen habe, war mein Urteil tatsächlich zuerst: 'Da ist ein älterer, übergewichtiger Herr mit einem verbissenem Gesichtsausdruck, der unglaublich schwitzt.' Doch als es zufällig zu einem Blickkontakt kam, sagte ich zu ihm: „Sie sind aber ganz schön fleißig heute!“ Und plötzlich hat sich das ganze Aussehen dieses Mannes verändert. In seinem Gesicht entstand ein strahlendes Lächeln. Alles an ihm lächelte irgendwie. Das war einfach wunderschön! Ist dir schon einmal aufgefallen, dass die Menschen, für die du Sympathie empfindest, plötzlich immer schöner werden? Schönheit strahlt von Innen heraus.

 

Du bist ein wundervoller und wunderschöner Mensch, vergiss das nie!

 

Nun wünsche ich dir noch einen wunderschönen Tag, Abend oder eine gute Nacht, je nachdem in welcher Zeit du auch immer dich gerade befindest. 

Die Liebe in mir, grüßt die Liebe in dir!

Deine Andrea

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