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Vater-Mutter-Kind

Wenn ich mich an meine Kindheit zurück erinnere, dann bin ich sehr dankbar, denn ich erlebte eine wundervolle und unbeschwerte Zeit nah an der Natur. Ich bin ein sogenanntes Sandwichkind. Meine ältere Schwester ist 15 Monate älter als ich und meine kleine Schwester ist 7 1/2 Jahre jünger als ich. Insgesamt war ich ein sehr braves, angepasstes und schüchternes Mädchen und sehr auf meinen Papa fixiert.  

  

Als ich in die Pubertät kam, erwachte ein kleiner Rebell in mir und ich wollte mich nicht länger anpassen. Das war der Zeitpunkt, als das enge Verhältnis mit meinem Papa langsam auseinander ging. Mein Papa hat mich zwar machen lassen, aber wir haben uns voneinander distanziert. In der Zeit, als ich das erste mal verliebt war, entfernte ich mich immer weiter von ihm. Wir redeten so gut wie nicht mehr miteinander. Später, als junge Frau hat mich dieser Bruch dermaßen belastet, dass ich über viele Jahre meine ganze Konzentration darauf richtete. Da ich zu meiner Mutter noch nie eine so enge Bindung empfand, fehlte mir diese auch nicht wirklich. 

 

Die Beziehung zu meinen Eltern war dann über viele, viele Jahre ziemlich blockiert und dadurch wurde das Verhältnis zu ihnen immer oberflächlicher. Wir lebten nebeneinander her und wussten nicht viel voneinander. Mein Vater war für mich irgendwann nur noch ein Mann, der meistens vor dem Fernseher saß und sich nicht dafür interessierte, was ich zu sagen hatte. Und meine Mutter war für mich auch nur eine Frau, die sich überhaupt nicht für mich interessierte. Ich kannte meine Eltern irgendwie überhaupt nicht mehr.

 

Ich habe meine Eltern zwar regelmäßig besucht, aber während der Besuche fühlte ich mich sehr einsam und nicht geliebt. Ich habe meinen Eltern tatsächlich aber nie gezeigt oder gesagt, dass ich so empfand. Ich erzählte nur sehr wenig über mich. Meine Eltern fragten auch nie danach. Über unser Inneres wurde nicht geredet. Wir waren alle viel zu blockiert.

  

Irgendwann war ich total im Vorwurf und der Schuldzuweisung gegenüber meinen Eltern. Ich habe ihnen vorgeworfen, dass sie sich nicht um mich kümmerten, dass sie mich alleine ließen, dass sie sich überhaupt nicht für mich interessierten, nicht für mich da waren und nicht mit mir redeten. Aber gesagt habe ich ihnen davon überhaupt nichts. Wahrscheinlich haben sie schon irgendwie gespürt, dass etwas nicht stimmte, aber sie haben mich nie darauf angesprochen. Unsere Familientreffen, mit meinen beiden Schwestern waren zwar schon immer sehr nett, weil wir alle Menschen sind, die sehr harmoniebedürftig sind. Aber in mir war ich total in diesen Vorwürfen verhaftet. Ich warf meinen Eltern innerlich vor, dass mein Leben so war, wie es eben damals war. Das es mir schlecht ging, dass meine Beziehungen nicht funktioniert haben, dass ich Depressionen hatte, dass ich Magersucht hatte, dass sich mein Leben so schrecklich entwickelt hatte.

 

Erst als ich in der Klinik war, an mir selber gearbeitet habe und langsam weg gekommen bin, von dieser Schuldzuweisung, hat sich das Verhältnis zu meinen Eltern geändert. Erst als ich kapiert habe, dass sie überhaupt nicht schuld sind an meinen Problemen, hat sich alles verändert. Als ich verstanden habe, dass meine Eltern ja nicht nur meine Eltern sind, sondern, dass sie auch ihr eigenes Leben mit ihren eigenen Problemen haben, dass sie selbst auch verletzt wurden, da konnte ich die Blockade in mir auflösen und in Liebe und Mitgefühl verwandeln. Erst als ich das so sehen konnte, hat es in mir Klick gemacht. Meine Mutter hat ihren Vater z.B. schon als junge Frau an Krebs verloren und ist als Kind von ihrer Oma geschlagen worden. Sie war in ihrer Kindheit und Jugend völlig eingesperrt und konnte mir deshalb wahrscheinlich überhaupt nicht das geben, was ich vielleicht gebraucht hätte. Heute sehe ich das verletzte Mädchen vor mir, dass ich einfach nur liebevoll in den Arm nehmen möchte. Heute weiß ich, dass sich mein Vater für mich damals einfach etwas Besseres gewünscht hat. Er bekam ja mit, dass ich unglücklich war, konnte aber nicht auf mich zugehen, weil ich als kleiner Rebell sowieso jeden Rat abgewürgt habe. So wusste er sich nicht anders zu helfen, als mich einfach in Ruhe zu lassen und irgendwann war die Beziehung zwischen uns so blockiert, dass keiner mehr von uns auf den anderen zugehen konnte. Heute kann ich meinen Vater dafür umarmen, denn er hat mir die Freiheit gegeben, meine eigenen Erfahrungen zu machen und mich dadurch weiter entwickeln zu können.

 

Seit ich das verstanden habe, kann ich meinen Eltern in Liebe und Frieden begegnen und unser Verhältnis hat sich nach und nach vollkommen verändert. Vor etwa drei Jahren sind mein Mann und ich umgezogen und inzwischen sind meine Eltern sogar nachgezogen. Das hätte ich früher nicht für möglich gehalten. Mein Papa sitzt überhaupt nicht mehr vor dem Fernseher, wenn ich ihn besuche. Er setzt sich zu mir hin, redet mit mir und hört mir zu. Meine Mutter lerne ich seit ein paar Jahre erst richtig kennen. Heute sehe ich sie mit andern Augen und bin stolz auf sie, denn wir wurden als Kinder niemals geschlagen, sondern hatten eine unglaubliche Freiheit, die ich heute so sehr zu schätzen weiß. Heute kann ich mit meinen Eltern lachen und bin unendlich dankbar, dass ich diese zweite Chance bekommen habe.

 

Eine Heilung der Beziehung zu deinen Eltern, nämlich die Vergebung und Befreiung von jeglicher Schuldzuweisung, ist notwendig, damit du ein freies und glückliches Leben führen kannst. Versuche, deine Eltern einmal aus einem komplett anderen Blickwinkel zu betrachten. Vielleicht kannst du sie dann besser verstehen und sie liebevoll umarmen.

 

Nun wünsche ich dir noch einen wunderschönen Tag, Abend oder eine gute Nacht, je nachdem in welcher Zeit du auch immer dich gerade befindest. 

Die Liebe in mir, grüßt die Liebe in dir!

Deine Andrea

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