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Der Flucht-Modus

Als ich ungefähr Ende 20 war, ging es los, dass ich es mit mir selbst überhaupt nicht mehr aushalten konnte. Nach der Trennung einer über fünf Jahre gehenden Beziehung viel ich in ein dermaßen tiefes Loch, dass ich mich fühlte, als wäre ich unvollständig. In mir entstand eine Leere, die sich ungefähr so beschreiben lässt, dass ich immer das Gefühl hatte, ein großes Stück von mir selbst würde fehlen. Als wären Seelenanteile von mir verloren gegangen. Heute ist mir klar, dass ich mich ausschließlich über andere Personen, meist meine Partner, identifiziert habe und mich selbst dadurch immer mehr verloren habe. Ich fühlte mich irgendwann nur noch halb. Hieraus entwickelte sich schließlich eine Empfindung, es mit mir alleine nicht aushalten zu können.

 

Während ich in einer Beziehung lebte, viel mir der Verlust von mir selbst nicht richtig auf, weil sich meine Gedanken ständig um eine andere Person gedreht haben. Doch als ich dann plötzlich ganz alleine war, gab es nichts mehr, was meinen Mangel in mir auffüllen konnte und das bekam ich durch permanente Unruhe, Nervosität und Angespanntheit zu spüren.

 

Ich war immerzu auf der Suche nach Ablenkung, um mich selbst nicht spüren zu müssen. Mich einfach mal gemütlich auf das Sofa zu setzen, eine heiße Schokolade zu trinken und ein Buch zu lesen, war damals undenkbar für mich. Meistens versuchte ich, irgendjemanden zu kontaktieren, egal ob mir dieser Jemand gut tat, oder nicht. Wenn ich niemanden erreichen konnte, ging das Drama erst richtig los. Meine innere Unruhe steigerte sich ins Unermessliche, bis ich richtig panisch wurde. Schließlich verließ ich fluchtartig die Wohnung, um durch den Wald zu joggen oder mich im Fitnessstudio auszupowern. Sport war über viele Jahre mein Lückenfüller und hat mir lange Zeit geholfen den Druck in mir abzubauen.

 

Ich war in einem andauernden Zustand des Getriebenseins. Heute nenne ich das den Flucht-Modus. Auf der Flucht vor mir selbst. Ein Teufelskreis. Denn sich selbst hat man nun einmal immer dabei. Ein Leben in ständiger Ruhelosigkeit. Niemals angekommen sein, ständig unter Strom, immer auf dem Sprung. Auf der Flucht eben.

  

Erst in der Klinik lernte ich mich langsam von diesem Flucht-Modus zu befreien. Die Therapeutin fragte mich damals in einer Sitzung: „Was würde denn passieren, wenn sie in dem Moment, in dem sie eigentlich fliehen würden, einfach mal sitzen bleiben?“ Und genau das habe ich dann auch versucht. Die Therapien in der Klinik waren so gelegt, dass viel freie Zeit dazwischen blieb. An manchen Tagen hatte ich sogar überhaupt keine Therapie. Diese freie Zeit war dazu da, sich auszuruhen und zu sich selbst zu finden. So ging ich während der freien Zeit oft spazieren oder trieb Sport. Ein Stunde ohne Plan auf dem Zimmer war schon zu lange für mich. Als ich nun wieder einmal ein paar Stunden Pause hatte, zwang ich mich, wie von der Therapeutin vorgeschlagen, in meinem Zimmer zu bleiben. Ich saß auf meinem Bett und beobachtete was mit mir passierte. Als der Druck in mir zu groß wurde, hatte ich schließlich eine Panikattacke. Dann wurde ich von langen und starken Weinkrämpfen geschüttelt. Schließlich war ich so erschöpft, dass ich mich hinlegen musste. Während ich da lag, kam ich ein bisschen zur Ruhe und spürte eine Art Anspannung in meinen Gliedmaßen. Das fühlte sich in etwa so an, wie es sich anfühlt, wenn z. B. der Fuß eingeschlafen ist und langsam wieder aufwacht. So ein unangenehmes Kribbeln.

  

Nachdem ich dieses erste Schockerlebnis hinter mir hatte, übte ich immer wieder mit mir alleine zu bleiben. Auch nach der Klinik noch. Es dauerte viele Monate bis sich der innere Druck und die Unruhe reduzierten und die Panikattacken nachließen. Das Kribbeln meiner Gliedmaßen ist immer noch nicht ganz verschwunden. Es hat mich lange Zeit immer begleitet, wenn ich mich hinlegte. Irgendwann kam es dann nicht mehr jede Nacht, es wurde immer weniger und heute kommt es nur noch sehr selten. Im nachhinein denke ich, dass mein Körper den über viele Jahre andauernden Druck durch das Kribbeln langsam ausleitet und abbaut. 

 

Heute könnte man meinen Zustand in etwa so beschreiben, dass ich leicht bis mittel nervös bin, was vollkommen in Ordnung ist. Was wirklich einschneidend ist, ist die Tatsache, dass ich mich nicht mehr halb fühle. Ich fühle mich ganz. Was für mich schon fast an ein Wunder grenzt und mein Leben komplett verändert hat.

  

Das Üben des Alleinseins war natürlich nicht der alleinige Grund, weshalb ich den Druck in mir sehr reduzieren konnte. Viele andere Übungen, vor allem Entspannungsübungen und Übungen für mehr Selbstliebe und Stabilität spielten hier eine große Rolle. (Welche ich hier im Blog auch nach und nach beschreiben möchte.) Aber es war auf jeden Fall der erste entscheidende Schritt. 

  

Was will ich Dir heute mitgeben?

Wenn Dir diese Fluchtmomente nicht fremd sind, dann stelle Dir doch auch einfach mal die Frage: „Was passiert denn genau, wenn ich hier bleibe?“ Ich glaube, der Fluchttrieb lässt sich tatsächlich nur auflösen, wenn man sich der Situation stellt und nicht mehr davon läuft. Wenn der Wille stärker wird, als der Drang zu fliehen.   

Lerne unbedingt Dich zu entspannen.

Mit regelmäßigen Entspannungsübungen wirst Du langfristig innerlich ruhiger und stabiler werden. In der Rubrik Übungen habe ich Dir heute eine neue Übung zur schnellen Entspannung eingestellt. Diese Übung eignet sich besonders gut, wenn Du Dich sonst noch nicht viel mit Entspannungsmethoden auseinander gesetzt hast. Eine "schnelle Entspannung" klingt fast wie ein Widerspruch. Denn Entspannung sollte doch eigentlich langsam sein. Für Menschen, die sich bisher aber noch nie entspannt haben, erleichtert diese Übung den Einstieg, um sich langsam an längere Entspannungsperioden heranzutasten.

Nun wünsche ich Dir noch einen wunderschönen Tag, Abend oder eine gute Nacht, je nachdem in welcher Zeit Du Dich auch immer gerade befindest. 

 

Die Liebe in mir, grüßt die Liebe in Dir!

Deine Andrea

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